Marginalie 4, 2016; Stämpfli Verlag

Evelyne Coen, Autorin
Wer kennt nicht Sätze wie: «Mit Geld sähe mein Leben anders aus.» - «Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt.» - «Geld ist Macht.» - «Geld ist Sicherheit.» - «Geld bedeutet gesellschaftliche Anerkennung.» So reduziert, ist dies eine Illusion, die von vielen Bildungsinstituten geschürt wird und immer mehr Menschen einen hohen Preis bezahlen lässt.
Aus unzähligen Erfahrungen mit Menschen fastjeden Alters weiss ich, welche Wirkung der Fokus auf Geld haben kann. Er missachtet die Bedürfnisse von Mensch, Tier und Umwelt. Die Manipulation hat sich so ver- feinert, dass dieser alltäglich sich wiederholende Wahnsinn als normal erscheint.
Ein mit sich selbst und seinem Tun zufriedener Mensch erliegt der Verführung des Geldes nicht. Seine Kreativität widersteht der Einbindung in ein menschenunwürdiges System. Es geht dabei nicht um eine sekundäre Zufriedenheit, die dann eintritt, wenn jemand so nützlich geworden ist, dass er oder sie dafür Anerkennung, Geld und Boni erhält und sich dann vordergründig damit zufriedengibt. Es geht um jemand, der weiss, wofür er lebt, und der das tut, was ihm wirklich wichtig ist. Er folgt seiner inneren Lebendigkeit und fühlt sich gerade darum mit anderen verbunden. Dabei verhungert er nicht, ganz im Gegenteil. Die Angst vor dem Absturz nimmt in dem Masse ab, in dem wir uns selbst erfüllen.
Wenn Menschen in gesellschaftstauglichen Karrieren sich selbst als Verlorene im Netz der Anforderungen bezeichnen, lässt das aufhorchen. Als ich 1987 begann, mit Kaderleuten Interviews über ihre Zufriedenheit zu führen, war ich erschüttert. Menschen, deren Reichtum keine materiellen Wünsche mehr unerfüllt liess, erzählten von ihren Gefühlen der Machtlosigkeit dem Leben gegen über, von dem, was wirklich regiert im Sumpf der Fremdbestimmtheit. Aber sie offenbarten auch Ängste vor dem Freisein, sprachen von Aggression aus Frustration und von tiefer Traurigkeit. Dennoch hatten sie echte Träume: Handeln ohne Gewalt-, Macht- und Konkurrenzgebaren wollten sie, sie sehnten sich nach der eigenen Persönlichkeit, hätten gern einen Beitrag an eine gerechtere Welt geleistet.
Es braucht einzig den Mut, wahr statt gehorsam zu sein. «Harte» Männer berichteten über die sanftesten Träume, die sie gerne kraftvoll umgesetzt hätten. Von Geldmachen war dabei nicht die Rede. Frauen gab es damals in diesen Sphären noch wenige. Heute sind sie besser vertreten, doch sie sind in der gleichen destruktiven Spirale gefangen. Sieht man, wie sich der Ökonomieradikalismus Jahr für Jahr schrankenloser gebärdet und wie er das Menschliche im Menschen begräbt, macht das wütend und traurig zu gleich. Es gilt, die genannten Träume ernst zu nehmen: Dann schaffen wir den Ausstieg aus dem Wirtschaftsterror.
Unzählige Träume habe ich während meiner Beratungs- und Seminararbeit in die Realisation begleiten dürfen. Der Mut dieser Menschen, sich selbst zu erfüllen, statt sich der Dekadenz zu opfern, hat sich gelohnt. Aus nahmslos alle stehen nicht mehr blind im Dienst der Unterwerfung. Sie richten da, wo sie heute wirken, den Fokus auf Sinn und Zusammenarbeit und machen damit Geld zum Diener, nicht zum Herrscher.



Zum Buch
Von aussen gesehen ganz oben und vieles erreicht, von innen ganz unten und leer - mit dieser Diskrepanz zeigen sich Evelyne Coen täglich Menschen, die sich selbst im Dschungel der Erwartungen verloren ha­ben. Doch jedes Loslassen von leidvoll Antrainiertem und jeder Verlust bergen ein riesiges Potenzial in sich, wenn die innere Stimme gehört und den eigenen Empfindungen und Wahr­ nehmungen vertraut wird.
In ihrem Buch erzählt Evelyne Coen aus ihrem Leben, offenbart ihre Gedanken und schildert bewegende Geschichten von Menschen, die sie während ihrer beruflichen Tätigkeit begleitet.